Im Allgemeinen gilt der Sufismus als mystische Dimension des Islam. In Wahrheit aber ist der Sufismus der Kern des Islam. Sufis sind unverwechselbar darin, dass sie ihre spirituelle Dimension stärken und gleichzeitig fromme Muslime sind sie beten fünf Mal am Tag, spenden, fasten während des heiligen Monats Ramadan und befolgen damit die äußeren Regeln des Islam.
Durch die gesamte Geschichte hindurch waren Sufis bekannt dafür, dass sie die Religion erlernen und Gott nah sein wollten. Sie hatten zum Ziel, den Zustand der Reinheit zu erreichen, durch den sie in der Lage sein würden, in ein direktes Verhältnis zu Gott zu treten, mit ihm vereint zu sein, in ihm aufgelöst zu sein, in ihm fortzubestehen und schließlich die Einheit Gottes zu bezeugen, so wie es der heilige Prophet tat, als er sagte: la-ilaha-illallah. Diesen Zustand zu erreichen bedeutet, dass niemand sonst außer Gott im Herzen ist safa.
Diese Methode der Reinigung durch Hingabe an Gott und Auflösung in Gott wurde ma’rifa genannt, was Erkenntnis bedeutet. Derjenige, der diese Methode der Erkenntnis lehrt, wird Aref genannt, als derjenige, der die erhabenste Stufe der Existenz durch Auflösung und Forbestand in Gott erreicht hat.
Hazrat Salaheddin Ali Nader Angha, der Aref unserer Zeit, schreibt in seinem Buch „Theory I Das Ich in der Führung":
"Der Begriff Erfan beinhaltet die Essenz des Sufismus. Erfan stammt vom Begriff ma’rifa ab, das Erkenntnis bedeutet. In diesem Zusammenhang bedeutet es die Selbsterkenntnis, die uns dazu befähigt, die Realität der Existenz zu erkennen und von göttlichem Wissen und Geheimnissen erfüllt zu sein. Es ist der Weg der Propheten. Das ist der Grund, warum ich den Sufismus als Realität der Religion definiert habe. Der Sufismus lehrt, dass alles Wissen das rechtmäßige Erbe der Menschheit ist, das man aber nicht findet, solange man nicht danach sucht. Und solange man es nicht zu seiner eigenen Lebzeit erfahren hat, wird man die Wahrheit der Botschaft der Propheten niemals erkennen." [1]
Die Ursprünge des Sufismus liegen 1400 Jahren zurück, zu Lebzeiten des Propheten Mohammad (Friede sei mit ihm). Die Menschen verändern die Religion durch gesellschaftliche, kulturelle, ethnische oder stammesgeschichtliche Einflüsse, die dann häufig mit der ursprünglichen Botschaft der Religion verwechselt werden. Doch berühmte Wissenschaftler konnten den Ursprung des Sufismus belegen. Annemarie Schimmel schreibt in ihrem Buch Die Mystische Dimension des Islam, dass der Sufismus bis auf den Propheten Mohammad selbst zurückgeführt werden kann, denn er ist das erste Glied in der spirituellen Kette des Sufismus. Seine Auferstehung durch die Himmel ist beispielhaft für die spirituelle Auferstehung des Mystikers in der vertrauten Anwesenheit Gottes.
Weiterhin berichtet sie, dass traditionsgemäß das tiefgründige Wissen von Mohammad an seinen Cousin und Schwiegersohn des Propheten, Ali ibn Abi Taleb, weitergereicht wurde. Im Weiteren schreibt sie, dass manche Entdeckungen über die ersten Sufis zeigen, dass manche Definitionen, die den Sufis des neunten Jahrhunderts zugeschrieben werden, wahrscheinlich schon viel älteren Datums sind. Sie zeigen auch, wie schiitische Ansichten und Ansichten der Sufis zu jenem frühen Zeitpunkt, miteinander übereinstimmten. "[2]
Reynold A. Nicholson fand ebenfalls heraus, dass die frühe asketische Bewegung problemlos durch ihre islamischen Wurzeln beschrieben werden kann und daher die ursprüngliche Form des Sufismus ein „eigenes Produkt des Islam selbst ist."[3] Der deutsche Theologe F.A.D. Tholuck, schrieb im Jahre 1821 das erste, zusammenhängende Buch über den Sufismus und verfasste vier Jahre später eine Anthologie namens Bluthensammlung aus der Morgenlandischen Mystik. In seinem Werk kam Tholuck rasch zu der Schlussfolgerung, dass „die Glaubenslehre des Sufismus durch den eigenen Mystizismus des Propheten Mohammad entstand und durch sie veranschaulicht werden muss." [4]
[1] Molana Salaheddin Ali Nader Angha, Theory "I" - Das Ich in der Führung (M.T.O. Publications, 2005) S. 165, 166.
[2] Annemarie Schimmel, Die Mystische Dimension des Islam, (University of North Carolina Press,1975) S.42
[3] Reynold A. Nicholson, The Mystics of Islam, ( 1914: reprint ed., Chester Springs, Pa.,1962) S.10
[4] Friedrich August Deofidus Tholuck, Ssufissmus sive theorsophia persarum pantheistica (Berlin, 1821). Zitiert in Die Mystische Dimension des Islam.